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Haftung des Sportlers bei Sportunfällen

Haftung des Sportlers bei Sportunfällen Dr. jur. Burkhard Oexmann

Sport als sportwissenschaftlicher Begriff
•  Dialektische Begriffspaare:
•  Gesundheitssport- Leistungssport
•  Freizeitsport- Showsport
•  Breitensport- Spitzensport
•  Amateursport- Berufssport
•  Supplementäre Kriterien: Körperbewegung, Streben nach Leistung, Leistungsvergleich, Chancengleichheit, Organisation, Regeln
•  Säule 1: Sportautonome Regelwerke
•  Säule 2: Staatliches Sportrecht
•  Immanenter Zielkonflikt: Staat und Individuum im Subordinationsverhältnis
•  Formen:
•  Subventionen = Sportförderung
•  Sanktionen = Reglementierung

Sport und Staatsverfassung
•  Grundgesetz von 1949: Fehlanzeige
•  Art. 16 der Verfassung Griechenlands: "Der Sport steht unter dem Schutz und der obersten Aufsicht des Staates."
•  Art. 30 III der Verfassung Thüringens: "Der Sport genießt Schutz und Förderung durch das Land und seine Gebietskörperschaften."

Haftungsvoraussetzungen (vertragliche)
•  § 280 I 1 BGB → unmittelbare Vertragspartner
•  §§ 241 III, 311 III BGB → mittelbare Vertragspartner = Vertrag mit Schutzwirkung zG Dritter
•  (vertragliche Privilegierung unterhalb der primären Leistungsansprüche im Bereich der sekundären Schutzpflichten)

Beispiele für vertragliche Sportlerhaftung
•  Top-Rope-Klettern (OLG Karlsruhe VersR 2005, 228)
•  Kart-Bahn (Benutzungsordnung bei Freizeitparks qua Einbeziehung nach § 305 II BGB "Gelbe Flagge: Gefahr! Langsam Fahren! Über-holverbot!"
•  Quad-Tour (BGH v. 09.09.2008, VI ZR 279/06, www.bgh.de → Entscheidungen)

Haftungsvoraussetzungen (deliktische)
•  Verschuldensunabhängige Gefährdungshaftung
•  § 833 S. 1 BGB (Pferd)
•  § 7 I StVG (Ralleyfahrzeug)
•  § 33 I 1 LuftVG (Heißluftballon, Segelflugzeug)

Verschuldensabhängige Gefährdungshaftung
•  § 823 I BGB
•  § 823 II BGB iVm Schutzgesetz (UVV, GSPG)
•  § 831 I 1 BGB
•  Exkurs: § 31 BGB (Organhaftung; keine anspruchsbegründende, sondern haftungszuweisende Norm); BGH VersR 1986, 345: Reitverein ohne Versicherungsschutz; Befreiungsanspruch

Geschichte der Sportlerhaftung
•  Ulpians Digesten: "volenti non fit iniuria"
•  RG 1928: Einwilligung in die Verletzungsgefahr beim Boxsport; Risikoübernahme beim Sport = "Handeln auf eigene Gefahr"
•  BGH 1961/1974: Fußballspieler nimmt Verletzung bei regelkonformem Spiel in Kauf. SchE bei Nachweis eines Regelverstoßes (ego: Kopernikanische Wende der Rechtsprechung)

Dogmatik der Sportlerhaftung
•  Legislative Konzeption: Eingriff in fremdes Rechtsgut erfüllt den Tatbestand
•  Judizielle Konzeption: Schadensersatzpflicht nur bei Beeinträchtigung fremder Rechtsgüter durch konkrete Verletzung von Verhaltenspflichten
•  BGH VersR 2003, 2018: Gewichtige Regelverletzung bei Sportwettbewerb mit nicht unerheblichem Gefahrenpotential

Praktische Konsequenzen aus Dogmatik
•  Haftung ex § 823 I BGB nur bei Verletzung konkreter Verkehrspflichten (Zweistufigkeit von Tatbestand und Rechtswidrigkeit)
•  Haftung ex § 823 II BGB: Abschließende Konkretisierung der Verkehrspflichten durch Schutzgesetzte (Ausnahme: Boxsport; Wettkampfregeln → Kopftreffer → Niederschlag)
•  Reziprozitätstheorie: Je höher das Gefahrenpotential, desto gewichtiger der Regelverstoß

Verkehrspflichten im Sport
•  Konkretisierung durch Verbandsregelwerke und gesetzliche Normen
•  Differenzierung nach Verletzungsgefährlichkeit der Sportarten
•  Typ 1: Individualsportarten (Sport nebeneinander)
•  Typ 2: Kampfsportarten (Sport gegeneinander)

Definition und Kasuistik (Individualsportart)
•  Ausübung ohne andere Sportler; keine Konfrontation, keine körperlichen Kontakte
•  ergo: Gefährdung Dritter begriffsimmanent ausgeschlossen/verboten
•  Beispiele: Ski (alpin + nordisch), Eislauf, Bergsteigen, Inlineskating, Leichtathletik, Golf, Tennis, Squash, Segeln, Schwimmen, Radsport, Reiten, Motorsport, Turnen, Flugsport

Definition und Kasuistik (Kampfsportart)
•  Ausübung in Zwei- oder Mehrkampf; Kampf gegeneinander; körperliche Kontakte, sportartimmanente Konfrontation mit Körper und/oder Sportgerät
•  Beispiele: Boxen, Eishockey, Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Ringen, Judo

Regelwerke einzelner Sportverbände
•  Skisport → 10 FIS-Verhaltensregeln (www.fis-ski.com)
•  Leichtathletik → Internationale Wettkampfregeln (www.deutscher-leichtathletik-verband.de)
•  Segeln → Internationale Wettsegelbestimmungen (www.sailing.org)
•  Fußball → Fußball-Regeln des DFB (www.dfb.de)

Rechtsprechungsbeispiele (Teil 1)
•  Skifahrer 1: OLG Brandenburg MDR 2008, 860
•  Skifahrer 2: LG Bonn SpuRt 2005, 212
•  Skifahrer 3: OLG Dresden VersR 2004, 1567
•  Leichtathlet 1: AG Westerstede SpuRt 2007, 39
•  Leichtathlet 2: OLG München VersR 1982, 1105

Rechtsprechungsbeispiele (Teil 2)
•  Fußball 1: LG Trier v. 10.07.2007 (1 S 75/07)
•  Fußball 2: OLG Stuttgart MDR 2000, 1014
•  Fußball 3: OLG Hamm SpuRt 1998, 156
•  Eishockey: AG Düsseldorf SpuRt 2007, 38

Gefährdungshaftung beim Pferdesport
•  Haftungskonstellationen
•  Reiter wird vom Pferd verletzt, dessen Reiter nicht Halter ist
•  Reiter wird vom Pferd eines anderen Reiters verletzt, der selbst Halter des schädigenden Pferdes ist
•  Unbeteiligter Dritter wird vom Pferd verletzt

Kollisionsrechtliche Probleme bei Pferdeunfällen
•  §§ 833 S. 1, 833 S. 2, 834, 254 I BGB
•  Pferdeunfall 1: OLG Koblenz NZV 2006, 304
•  Pferdeunfall 2: OLG Schleswig NZV 2004, 304
•  Pferdeunfall 3: OLG Düsseldorf v. 11.06.2003 (I-4 U 207/01)
•  Problem: Multilaterales Haftungskonstrukt (cave → Passivlegitimation → Verjährung)

Haftung des Sportlers gegenüber Dritten
•  Zuschauer: Sicherungsmaßnahmen obliegen Veranstalter (Mountainbike: LG Waldshut-Tiengen NJW 2002, 153)
•  Helfer + Schiedsrichter (Schiri-Sturz: OLG Oldenburg SpuRt 1994, 2003)
•  i.Ü.: Gefährdungshaftung nach §§ 833 S. 1 BGB, 7 I StVG, 33 I 1 LuftVG

Ausdrücklicher Haftungsausschluß (AGB)
•  "Teilnahme auf eigene Gefahr" durch Aushang oder Individualschreiben
•  Beim Reitsport im Verhältnis Reiter zu Halter unwirksam (BGH VersR 1977, 864)
•  Heute: Klauselverbot des § 309 Nr. 7a BGB
•  Zulässig: Beschränkung auf Vorsatz und grobe Fahrlässigkeit (OLG Koblenz VersR 1993, 1164)

Stillschweigender Haftungsausschluß
•  Ältere Rechtsprechung "Handeln auf eigene Gefahr" bejahend
•  Neuere Rspr.: Reitsportunfälle nein, Ausnahme bei drohender Eigengefährdung
•  Sport im übrigen: Nein, aber mit Ursächlichkeit (Motorralley + Ölfilm auf Straße → OLG Koblenz SpuRt 1995, 137)

Mitverschulden
•  Bei Gefährdungshaftung zu berücksichtigen (§§ 254 I BGB, 9 StVG, 34 LuftVG)
•  Bei Verschuldenshaftung: Sportteilnahme löst Risiken aus ("Sport ist Mord"). Daher stets gegenseitige Abwägung der beiderseitigen Verursachungsbeiträge
•  BGH NJW 1972, 627 (Skiunfall)
•  OLG Karlsruhe NJW 1978, 706 (Bergsport)
•  OLG Hamm NJW-RR 1990, 925 (Segelsport)

Haftung des Sportlers bei Sportunfällen
Als Autor für Beiträge i.S.d. § 55 Abs. 2 RStV verantwortlich:
Sozietät Dr. Oexmann, Rassenhöveler Straße 7, 59510 Lippetal

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Diese Publikation haben wir das letzte mal am Mittwoch, 21. Juli 2010 für Sie aktualisiert.
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